Aktion für individuelle Impfentscheidung
Eine sachliche Auseinandersetzung zum Impfen, die differenziert Fakten gegeneinander abwägt, ist längst schwierig geworden. Eltern und Ärzte, die kritische Fragen stellen und das Für und Wider einer Impfung im Einzelfall abwägen wollen, werden häufig als Impfgegnerinnen und -gegner diffamiert. Um so wichtiger ist es heute, Eltern und Betroffene unabhängig über Schutzimpfungen zu informieren. Gleichzeitig gilt es, gemeinsam für das Recht auf die individuelle Impfentscheidung einzustehen. Was sollten Eltern sowie Patientinnen und Patienten in dieser Situation wissen? Welche Position bezieht die Ärzteschaft? Was sagt die Anthroposophische Medizin? Gibt es politische Signale? Was sagt die Ständige Impfkommission? Anlässlich eines Expertengesprächs der Grünen im November in Berlin wurde deutlich, dass Pro und Kontra in verschiedenen (Fach-)Kreisen durchaus unterschiedlich und differenziert diskutiert werden. Wichtige Ergebnisse dieses Austauschs auf politischer Ebene sowie eine kurze Standortbestimmung zur gegenwärtigen Impfdiskussion finden Sie hier.
Wenige Themen im Gesundheitswesen polarisieren heute noch so wie das Thema Impfen. Impfbefürworter zeichnen Schreckensszenarien von dauerhaften Schäden und fordern unter anderem die Einführung einer generellen Impfpflicht. Die Pro-Argumente sind scharf und transportieren häufig vor allem die Botschaft „Bist du nicht für mich, bist du gegen mich“. So werden fast alle Äußerungen, die lediglich darauf abzielen, eine Impfentscheidung nach wie vor individuell fällen zu können, als eine ideologisch motivierte Impfgegnerschaft umgedeutet. Eine sachliche Auseinandersetzung, die kritisch Fakten gegeneinander abwägt, ist längst fast unmöglich geworden. Eltern und Betroffene, die individuell entscheiden möchten, werden pauschal als Impfgegnerinnen und -gegner diffamiert.
Dabei gibt es nach wie vor viele Fragen, die im Zusammenhang mit einem Impfentscheid gestellt werden sollten – viele davon sind von Wissenschaft und Forschung noch völlig unbeantwortet. Sind die Impfstoffe wirklich ausgereift? Gibt es langfristige Impfauswirkungen? Wie nachhaltig sind die Impfprogramme? Sind die immensen Kosten in einem Gesundheitssystem, das immer mehr Leistungen privat finanzieren lassen möchte, gerechtfertigt? Dabei gilt es auch, offen miteinander ins Gespräch zu kommen, wie es um einen kollektiven Schutz in unserer Gemeinschaft steht: Ist das Ziel, eine Bevölkerung kollektiv zu schützen, mit den individuellen Entscheidungsspielräumen für oder gegen eine Impfung vereinbar? Wie können individuelle Entscheidungsspielräume geschützt werden? Wie weit reicht die Verantwortung des Individuums gegenüber der Gemeinschaft? Die Bürgerinnen und Bürger müssen darauf vertrauen können, dass zu diesen Aspekten ein konstruktiver und offener Dialog geführt wird. Nur wenn auch diese Fragen in die öffentliche Debatte einfließen, kann man davon ausgehen, dass im Falle einer anstehenden Impfentscheidung wirklich ergebnisoffen informiert wird.
Ärzteschaft für oder gegen das Impfen?
Die Diskussion über Für und Wider zum Impfen wurde in den vergangenen Monaten mit zunehmender Schärfe geführt. Ein kurzer Überblick über die Entwicklungen: 2006 hatten die Delegierten des Deutschen Ärztetages eine umstrittene Empfehlung ausgesprochen: Der Besuch einer öffentlichen Betreuungseinrichtung solle zukünftig an den Impfstatus eines Kindes geknüpft sein. Außerdem sollten „impfkritischen“ Ärztinnen und Ärzten dramatische berufsrechtliche Sanktionen bis hin zum Verlust der Approbation drohen. Auch wenn gerade der zweite Punkt momentan jeder rechtlichen Grundlage entbehrt, so haben diese Beschlüsse doch dazu geführt, dass das Klima in der Debatte rauer geworden ist. So werden die Möglichkeiten zum Ausschluss eines nicht-geimpften Kindes aus Kindergarten und ähnlichem mittlerweile ganz offen diskutiert. Ein Beispiel für „sanften Druck“ bei den heutigen Impfmaßnahmen ist die Masern-Impf-Kampagne in NRW seit Herbst 2007: Die Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 18 Jahre sollen ihre Impfpässe in der Schule vorlegen. Zeigen sich Impflücken, werden die Eltern aufgefordert, den Impfstatus zu vervollständigen. An dieser Aktion beteiligt sich auch die Ärzteschaft: Sowohl die zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen als auch die Ärztekammer Westfalen-Lippe drängen auf höhere Impfraten und begrüßen diese Initiative des Gesundheits- und Schulministeriums ganz ausdrücklich.
Politische Entscheidungen zum Impfen
Auf politischer Ebene wird die Forderung nach flächendeckenden Schutzimpfungen ebenfalls immer lauter. Durch die jüngste Gesundheitsreform wurden die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen. Seit dem 1. Juli 2007 haben nun alle Versicherten einer gesetzlichen Krankenkasse einen garantierten Anspruch auf die Erstattung aller von der STIKO empfohlenen Schutzimpfungen. Dazu zählt auch die HPV-Impfung (Impfung gegen den Human Papilloma Virus), die gegen Gebärmutterhalskrebs schützen soll. Nach der Empfehlung der STIKO soll die Impfung für Mädchen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren gelten. Kritiker bemängeln, dass diese Impfung nicht ausgereift sei und noch keine Ergebnisse einer langfristig aufgebauten Forschung vorliegen. Kritisiert werden auch die Kosten für diese Impfung, die nun gesetzlich garantierte Pflichtleistung ist: Die Impfung wird für die genannte Zielgruppe über 1 Milliarde Euro kosten. Zum Vergleich dazu: Das finanzielle Volumen für alle Präventionsmaßnahmen, die im 2005 geplanten Präventionsgesetz zusammengefasst wurden, lagen bei 250 Millionen Euro. Weitere Vorhaben auf politischer Ebene sind geplant: Im Juli 2007 hat die Gesundheitsministerkonferenz beschlossen, künftig regelmäßige „Nationale Impfkonferenzen“ durchzuführen. Die erste Nationale Impfkonferenz soll im Frühjahr 2009 mit Vertretern der Ärzteschaft und des öffentlichen Gesundheitsdienstes ebenso wie mit Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stattfinden.
Impfen im Gespräch
Die skizzierten Entwicklungen machen deutlich, dass es für die Patientinnen und Patienten heute wichtiger denn je ist, auf einer unabhängigen und differenzierten Beratung zu bestehen. Gleichzeitig brachten die Grünen das Thema Impfen mit einem Expertengespräch im November 2007 auf die öffentliche Agenda und verschafften der Debatte damit eine Wahrnehmung auf der politischen Bühne. Während das Impfen auf der einen Seite vor allem als Erfolgsstory interpretiert wurde („geimpfte Kinder sind gesunde Kinder“), durch die viele Infektionskrankheiten zurück gedrängt werden konnten, gab es auch viele Stimmen, die eine differenziertere Betrachtung forderten. Vor allem müsse den Bürgerinnen und Bürgern transparent gemacht werden, um welche Ziele es bei einer hohen Durchimpfungsrate in der Bevölkerung gehe. Geht es wirklich um den individuellen Schutz der geimpften Kinder? Oder geht es nicht vielmehr um die Ausrottung eines bestimmten Keimes und damit eines Krankheitsbildes? Handelt es sich um ein wichtiges Gesundheitsproblem? Gibt es andere präventive Wege zur Erreichung des gleichen Ziels? Erst wenn diese Fragen offen diskutiert werden, ist die Grundlage für eine unabhängig gefällte Entscheidung gegeben.
Für den offenen und transparenten Dialog warb auch Dr. Stefan Schmidt-Troschke (Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke) vom Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung, der sich für eine differenzierte, umfassende und ergebnisoffene Beratung und einen individuellen Impfentscheid einsetzte. In einem solchen Dialog müsse auch offen über Impfstoffsicherheit, Interdependenzen von Impfstoffen und Komplikationen gesprochen werden können – sowie über den sinnvollen Zeitpunkt für eine Impfung. Seitens der Patientenvertreter wurde darauf hingewiesen, dass die Bürgerinnen und Bürger zunehmend verunsichert reagieren und umfassende und differenzierte Aufklärung vermissen. Deshalb brauche es unbedingt unabhängige Informationen, in denen auch kritische Fragestellungen aufgegriffen werden. Damit sei mehr zu erreichen als mit moralischem Druck, der immer stärker auf Betroffene oder Eltern ausgeübt werde.
Unabhängige Empfehlungen?
Insgesamt wurde der Umgang mit beobachteten Nebenwirkungen heftig kritisiert: Es könne nicht angehen, dass Nebenwirkungen erst auf massiven Druck der Öffentlichkeit gemeldet werden. Außerdem sei es schon sehr paradox, dass unerwünschte Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit Impfungen auftreten, überwiegend durch die Impfstoffhersteller und
nicht von den Ärztinnen und Ärzten gemeldet würden. In diesem Punkt waren sich im Übrigen alle einig: Mehr Transparenz zu beobachteten Nebenwirkungen! Es sollte einen klaren Auftrag an die Forschung geben, das entsprechende nationale Register auszubauen und die Impfstoffsicherheit heute als eine globale Aufgabe anzusehen. Erst damit kann die notwendige Grundlage für eine Diskussion über Nutzen und Risiken von Impfungen geschaffen werden. Innerhalb dieser Debatte spielt natürlich auch die immer wieder in Zweifel gezogene Neutralität der STIKO eine wichtige Rolle. Es wurde gefordert, das Verfahren, mit dem die STIKO ihre Entscheidungen fällt bzw. ihre Empfehlungen ausspricht, transparenter zu machen. In der Diskussion wurde darüberhinaus angeregt, auch ausländische Expertinnen und Experten in die STIKO aufzunehmen, um von internationalen Erfahrungen profitieren zu können. Geplant sei, zukünftig mögliche Interessenkonflikte von STIKO-Mitgliedern im Internet zu veröffentlichen. Während die Bürgerinnen und Bürger auf mehr Transparenz allerdings noch werden warten müssen, hat sich der Markt fürs Impfen inzwischen rasant entwickelt: Die Zahl der Schutzimpfungen hat 2007 um mehrere hundert Prozent zugenommen, wie das Marktforschungsinstitut IMS Health in Berlin berichtete. Bereits im ersten Quartal, also noch vor der Einführung der Schutzimpfungen als Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen, stiegen die Verordnungen von Einfach-Impfstoffen um rund 200 Prozent, was in erster Linie durch die Einführung der HPV-Impfung bedingt gewesen ist. Von April bis August 2007 lag das Verordnungsniveau um rund 400 Prozent über den entsprechenden Vorjahresmonaten. Die Umsatzzuwächse der Hersteller erreichten in der Spitze im April 251 Prozent. Höchste Zeit also, mit vereinten Kräften für den individuellen Impfentscheid einzutreten.
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